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10.09.2008 · 10:50 Uhr

Die Berliner Künstlerin Christiane ten Hoevel gibt versteckte Handlungsanweisungen

Von Marcus Weber
Musik: F.S. Blumm und A. Togni

Was wäre eigentlich wenn ... Sie heute unter einem fremden Namen auftreten würden? Oder wenn Sie eine Woche lang nur rote Dinge kaufen würden? Christiane ten Hoevel geht in ihren Arbeiten diesen Möglichkeiten nach. Mit ihren Zeichnungen, Animationen und Handlungsweisungen will sie zeigen, dass die Realität oft gar nicht so zwangsläufig ist, wie sie uns oft erscheint.

"Finde heraus, wie laut du von hier aus rufen musst, damit die Passanten draußen Dich hören können."

"Bringe der Frau an der Ausleihe das nächste Mal Blumen mit."

Sie sind auf die Fensterscheiben geschrieben oder als Lesezeichen in den Büchern versteckt. Sie kleben auf Stühlen und Tischen oder liegen zerknüllt in Zeitschriftenregalen. Insgesamt waren es 188 kurze Handlungs¬anweisungen, die Christiane ten Hoevel mit ihrer Künstler-Kollegin Michaela Nasoetion im Jahre 2001 in einer Zwickauer Bibliothek verteilt hatte.

"Frage jemanden, ob er dir ein langweiliges Buch empfehlen kann."

Dabei war es gar nicht wichtig, dass die Bibliotheksnutzer die Anweisungen auch wirklich ausführten.

"Es ging uns eigentlich darum, dass die Leute sich vorgestellt haben, was passieren würde, wenn ich das jetzt machen würde. Und das hat meistens schon soviel Bewegung ausgelöst, dass die Leute ins Gespräch miteinander gekommen sind. Und das war eigentlich immer das schönste Erlebnis - dass dann immer etwas Neues zu entstehen anfängt unter den Leuten."

Es ist wie bei einem Kapitel aus Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften", erklärt Christiane ten Hoevel: Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben.

"Und das beschreibt, wie der Mensch des Möglichkeitssinns die Dinge für genauso wahr nimmt wie ein Mensch des Wirklichkeitssinns, und wie er eigentlich über dieses Möglichkeiten-Wahr-Nehmen die Wirklichkeiten erweitert."

Sie steckt sich ihre braunen Locken hinter die Ohren und kramt in einem Regal nach einem kleinen Zettelkästchen. Überall in der Berliner Altbauwohnung finden sich Arbeiten der alleinlebenden, 44-jährigen Künstlerin: Zeichnungen, Bücher und diese kleine Gedankenschublade, aus der sie nun einige Zettel zieht. Es sind Kurzanweisungen für sie selbst - für mögliche künstlerische Arbeiten.

"Male jedes Streichholz in einer Schachtel in einer anderen Farbe an. Schreibe den Klappentext für ein leeres Buch. Erfinde Was-Wenn-Szenarios. Nähe für Deine Lieblingsbücher bunte Stoffhüllen. Versuche an etwas zu denken, was Du Dir nicht vorstellen kannst. Schreibe an eine Hauswand den Anfang einer Geschichte ..., und so weiter."

"Das hat was mit Abenteuern zu tun. Das ist so eine Art von Freiheit, die ich habe, die für mich ziemlich grenzenlos ist, die nur durch das, was ich mir zutraue zu denken, dadurch eingegrenzt wird."

Christiane ten Hoevel stammt aus Backnang, einer Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart. Der Vater, Diplomingenieur für Nachrichten¬technik, die Mutter Religionslehrerin. Sie selbst ist die mittlere und ruhigste von drei Schwestern.

"Ich habe so schätzungsweise mit 16 angefangen zu malen. Und ich glaube, es war für mich einfach eine Möglichkeit, in so eine Gedankenwelt zu flüchten. Dass ich mich rauskatapultieren konnte aus der Wirklichkeit und in diese Welt begeben, wo alles möglich ist."

Nach dem Besuch einer privaten Kunstschule beginnt Christiane ten Hoevel 1985 ein Studium an der Berliner Hochschule der Künste. Drei Jahre widmet sie sich der gegenständlichen Malerei, dann arbeitet sie mit Rauminstallationen und Objekten. Besonderen Einfluss hat dabei ihre Professorin Eva Maria Schön.

"Einmal hat sie ein Gerüst gemietet, und dann haben wir alle so kleine Arbeiten in der oberen Raumhälfte gemacht, und dann saßen wir anderthalb Tage lang auf diesem Gerüst und haben die Arbeiten besprochen. Und dadurch habe ich erst richtig gemerkt, was mich eigentlich interessiert: nicht so sehr das Gucken, sondern mehr das Denken an der Sache entlang."

Mit ihren Arbeiten will Christiane ten Hoevel zu genau diesem Denken anregen. Sie hat etwa 40 Buchcover entworfen - für Bücher, die es gar nicht gibt, aber die ihrer Meinung nach noch geschrieben werden sollten. Durch Titelschrift und Coverbild sollen sich beim Betrachter rationale und intuitive Wahrnehmung verbinden. So wie bei ihrem aktuellen Lieblingsbuch: "Der gesellschaftliche Nährwert von Kunst".

"Das ist nicht zu trennen von dem Bild, was ich dafür benutze: eine fleischfressende Pflanze, die von einer Hand mit einem Joghurtlöffel gefüttert wird. Also: Gibt es so etwas wie einen effektiven Nährwert von Kunst, der verfütterbar ist? Und wenn ja: Wem fütter ich den?"

Ihre Buchcover-Serie hat Christiane ten Hoevel bis jetzt noch nicht ausgestellt. Und auch ihre Zeichnungen und kleinen Computeranimationen finden immer seltener den Weg in Ausstellungen. Sie mag den Kunstbetrieb nicht.

"Das ist so ein Drehen-Um-Sich-Selber. Man kann da nicht wirklich an diesem erkenntnistheoretischen Prozess dranbleiben. Man ist einfach in so einer Art von Maschinerie, die über Produkte definiert wird."

Und so verdient sie ihr Geld lieber als Dozentin an verschiedenen Kunsthochschulen - und hält immer öfter Kunst-Vorträge. Zum Beispiel über das Nicht-Wissen. Denn was Christiane ten Hoevel mit ihrer Kunst vor allem will, ist Fragen stellen.

"Wenn überhaupt Antworten, keine eindeutigen, so dass klar wird: Es gibt diese Möglichkeit und diese, und da hinten scheint noch eine ganz andere auf. Was dann auch diese Wirklichkeiten, die man sich so konstruiert, hoffentlich zu Bruch bringt."